Porzellanwerk Annaburg
1883 übernahm Adolf Heckmann die Bude mit gerade mal zehn Arbeitern und gründete die "Annaburger Steingutfabrik". Und der Mann meinte es ernst.
Lesezeit
- Baujahr
- 1874
- Verlassen seit
- 201511 Jahre leer
- Region
- SA
Kapitel 01 · Der Besuch
Es ist ein grauer Apriltag, bewölkt, kühl, eigentlich das perfekte Wetter für so einen Ort. Das diffuse Licht kriecht durch die Oberlichter der Produktionshallen und legt sich wie ein Filter über alles.
Ich schiebe mich durch eine der blauen Stahltüren, deren Farbe in großen Placken abblättert, und stehe in der ersten Produktionshalle. Es riecht nach feuchtem Gips und kaltem Staub, ein Geruch, den man von keinem anderen Lost Place kennt. Porzellanstaub hat was Eigenes. In den Regalen hinter der Tür stapeln sich weiße Gussformen, dicht an dicht, Reihe für Reihe. Tassen, Schalen, Deckel, alles fein säuberlich sortiert, als käme gleich die nächste Schicht. Kommt sie aber nicht.
Ein paar Meter weiter steht eine grüne Drehmaschine, auf der sich Keramik-Teller stapeln. Die Maschine ist wahnsinnig massiv, so ein typisches Industrieding aus einer Zeit, in der man Sachen noch für die Ewigkeit gebaut hat. Auf dem Drehteller liegt Staub, auf den Tellern liegt Staub, auf allem liegt Staub. Ich gehe weiter durch die Halle und komme an einer Spritzstation vorbei. Die Rückwand ist rosa, ein fast schon absurder Farbfleck in dieser grauen Industriekulisse. Darüber eine Absauganlage, die den Sprühnebel abziehen sollte. Hat sie bestimmt auch mal, irgendwann.
Die nächste Halle ist riesig. Hohe Decken, Oberlichter, große Industriefenster, durch die das trübe Tageslicht fällt. In der Mitte führt eine Rampe nach oben, links und rechts wieder diese blauen Türen. Alles leer, alles still. Meine Schritte hallen auf dem Betonboden. Ich bin allein hier, und das merkt man. In einer Ecke stehen Trockengestelle aus Holz, einfache Holzkreuze, auf denen das frisch geformte Porzellan zum Trocknen lag. Ein paar Reststücke hängen noch daran, als hätte jemand vergessen, sie abzunehmen.
Dann komme ich in den Raum, der mich an diesem Tag am meisten flasht. Ein ganzer Haufen aus unglasiertem Porzellan liegt auf dem Boden. Kannen, Deckel, Tassen, einfach so hingeschüttet. Weißes Porzellan auf grauem Beton, das hat was. Ich mache bestimmt zwanzig Bilder, weil ich den Winkel nicht hinkriege, den ich will. Am Ende kriege ich ihn doch. Allerdings erst, nachdem ich mich einmal komplett um den Haufen herumgearbeitet habe.
Weiter hinten wird es dunkler. Eine Halle, in der sich Gussformen vor einem großen Rundbogenfenster stapeln. Das Gegenlicht zeichnet die Silhouetten der Formen nach, und für einen Moment sieht das einfach richtig gut aus. In einem Nebenraum liegen Porzellanscherben unter drei Rundbogenfenstern, der Boden ist komplett bedeckt. Man tritt auf Scherben, egal wo man hinläuft. Das Knirschen unter den Sohlen ist das einzige Geräusch.
An einer Wand finde ich die Ofensteuerung. Eine grüne Schalttafel mit Messgeräten, Drehreglern und bunten Knöpfen, rot, gelb, grün, wie eine Ampelsammlung. Die Geräte zeigen alle auf Null. An den Hallenwänden verlaufen alte Rohrleitungen, teilweise verrostet, teilweise noch blank. Rote Steckdosen an weißen Wänden. Details, die man erst auf den zweiten Blick sieht.
Die Geschichte des Porzellanwerks: Von der Scherbelbude zur Weltfabrik
1874 gründete der Keramiker Böttcher hier eine kleine Fabrik. Handarbeit, zwei Rundöfen, große Pläne. Die Realität sah anders aus: Schon 1877 war Konkurs, zwei Jahre später noch einer. Die Leute nannten den Laden nur noch “Scherbelbude”. Nicht gerade schmeichelhaft.
1883 übernahm Adolf Heckmann die Bude mit gerade mal zehn Arbeitern und gründete die “Annaburger Steingutfabrik”. Und der Mann meinte es ernst. Er schaffte eine Dampfmaschine an, baute Arbeiterwohnungen, installierte elektrische Beleuchtung, für die damalige Zeit war das richtig fortschrittlich. 1891 hatte die Fabrik bereits 325 Beschäftigte und sogar eine eigene Betriebsfeuerwehr. 1895 wurde der Laden für 1,5 Millionen Reichsmark verkauft und in eine AG umgewandelt. Aus der Scherbelbude war ein richtiges Unternehmen geworden.
1903 brachte der Porzellanmaler Emil Sauerbrei die Spritztechnik in die Fabrik, im Grunde eine frühe Form von Airbrush. Damit entstanden die typischen Spritzdekor-Muster, die man heute auf Flohmärkten als Art Deco verkauft. Der eigentliche Knaller kam aber 1909: Annaburg baute einen Tunnelofen nach dem Faugeron-Verfahren. Weltweit der erste seiner Art. In den 1920er Jahren lief der Laden auf Hochtouren, über 600 Mitarbeiter produzierten Küchengeschirr, Waschgarnituren, Vasen und Lampenfüße. Hochkonjunktur.
Was danach kam, erzähle ich in Teil 2.
Teil 2 meiner Erkundung durch das Porzellanwerk Annaburg. Diesmal geht es nicht um Maschinen und Produktionshallen, sondern um die Menschen, die hier gearbeitet haben. Um Schreibtische, Pinnwände, Bierflaschen und Dokumente, die Geschichten erzählen, ohne dass jemand da ist, der sie noch erzählen könnte.
Der bewölkte Himmel drückt graues Licht durch die Fenster. Es ist still hier oben in den Büroetagen, ganz anders als unten in den Produktionshallen. Kein Hall, kein Tropfen. Nur Staub, der sich auf alles gelegt hat wie eine Staubschicht, die niemand mehr wegwischt.
Die Menschen
Ich stehe in einem Büro und schaue auf einen Schreibtisch, der aussieht, als hätte jemand einfach Feierabend gemacht und nie wiedergekommen ist. Ein DDR-Telefon mit Wählscheibe steht neben einer alten Rechenmaschine, daneben ein paar Papiere. Am Fenster fällt trübes Licht auf die Tastatur der Rechenmaschine. Die Tasten sind vergilbt, aber man kann noch jede Zahl lesen. Ich drücke eine runter. Sie klemmt.
An der Wand hängt eine VEB-Hausmitteilung, der blaue Stempel ist immer noch gut zu erkennen. Bestellscheine, Anweisungen, der ganz normale Wahnsinn einer Planwirtschaft, festgetackert an einer Pinnwand. Daneben Zeitungsausschnitte und alte Fotos, teilweise zerrissen. Ein Bild von einem Nashorn ist dabei, keine Ahnung warum. Solche Details machen Lost Places für mich wahnsinnig spannend. Dinge, die keinen Sinn ergeben, die aber trotzdem jemand wichtig genug fand, um sie aufzuhängen.
Der nächste Raum überrascht mich. Ein Diaprojektor steht auf einem Tisch neben einer Vitrine voller Porzellanteller. Wahrscheinlich hat hier jemand Dia-Vorträge gehalten, die neuen Dekore vorgestellt oder Schulungen gemacht. Ich stelle mir vor, wie ein paar Kollegen in diesem Raum saßen, der Projektor ratterte und jemand erklärte, welches Dekor im nächsten Quartal produziert wird. Jetzt steht hier nur noch Stille.
Hinter einer schweren Tür: Regale voller Dokumente, Schablonen und Druckvorlagen. Auf einem Tisch liegt ein Hauptbuch aufgeschlagen, handgeschriebene Zahlenkolonnen, Seite um Seite. Jemand hat hier Stunden gesessen und Zahlen eingetragen, mit Lineal und Füller. Es riecht nach altem Papier und feuchtem Holz, dieser typische Archiv-Geruch, den man sofort wiedererkennt. Ich blättere vorsichtig eine Seite um. Die Tinte ist stellenweise verlaufen, aber die Handschrift ist ordentlich, fast schön.
Auf einer Fensterbank stehen Bierflaschen. Dessator Spezial-Pilsener und Berliner Bürgerbräu. Ein paar Schuhe stehen daneben, ein Filmstreifen liegt zusammengerollt dazwischen. In den gefliesten Sanitärräumen hängt ein Pinnup-Poster an der Wand, die Ecken eingerollt. An einem verwachsenen Fenster steht eine alte Kanne voller Werkzeug, Efeu rankt sich durch den Rahmen. In einem anderen Raum finde ich eine Verpackung von VEB Carl Zeiss Jena, ein Fernglas war da wohl mal drin. Solche Fundstücke tauchen hier einfach überall auf, in jeder Ecke liegt ein kleines Stück DDR-Alltag.
Vor einem offenen Schaltkasten steht ein einsamer Stuhl. Sicherungen, Kabel, alles noch dran. Als hätte jemand hier gesessen und gewartet, dass irgendwas wieder anspringt. Tut es natürlich nicht mehr.
Die Geschichte, Vom Volkseigentum zum Exportschlager
Nach dem Krieg beginnen 1945 etwa 40 Mitarbeiter mit dem Wiederaufbau der Fabrik. Drei Jahre später wird das Werk enteignet und in Volkseigentum überführt, zu diesem Zeitpunkt arbeiten hier bereits 350 Menschen. Der VEB-Name ändert sich über die Jahrzehnte mehrfach: von “Industrie-Werk Annaburger Steingutfabrik” über “VEB Annaburg Porzellan” bis hin zu “VEB Vereinigte Porzellanwerke Colditz, Werk Annaburg” ab 1980. Namen kommen und gehen, die Arbeit bleibt.
1956 sind es 456 Mitarbeiter, in den Sechzigern wird modernisiert, ein neuer Tunnelofen gebaut. Ende der Sechziger führt man “Sintolan” ein, ein Halbporzellan aus Hartkeramik. 1970 wird das Werk Teil des VEB Porzellankombinat Colditz. Bis 1988 wächst die Belegschaft auf 550 Beschäftigte, die Produkte gehen in 28 Länder. Ein Exportschlager aus der Provinz Sachsen-Anhalt.
Allerdings gibt es ein Kapitel in der Geschichte dieses Ortes, das man nicht verschweigen darf. 1944/45 existierte in Annaburg ein Außenlager des KZ Buchenwald. Etwa 100 Häftlinge wurden hierher gebracht, um in den Fabrikhallen Teile für die V1- und V2-Raketen zu produzieren. Zwölf-Stunden-Schichten, jeden Tag sechseinhalb Kilometer Fußmarsch zum Lager und zurück. Dass in diesen Hallen, durch die ich gerade mit meiner Kamera laufe, Menschen unter solchen Bedingungen arbeiten mussten, lässt mich kurz innehalten. Der Staub auf den Maschinen wirkt danach ein bisschen schwerer.
Manche Orte sterben nicht mit einem Knall. Sie sterben leise, Schicht für Schicht, Putz für Putz. Das Porzellanwerk Annaburg ist so ein Ort. Einer, der sich langsam auflöst und dabei auf eine komische Art fotogen wird. Verfall kann richtig gut aussehen, wenn man genau hinschaut.
Der dritte und letzte Gang durch dieses Werk führt dorthin, wo nichts mehr funktioniert. Wo die Maschinen schweigen, die Wände weich werden und die Natur Zentimeter um Zentimeter zurücknimmt, was ihr genommen wurde. Es ist April, der Himmel hängt grau über Sachsen-Anhalt, und ich bin allein hier. Genau richtig.
Der Verfall
Ich stehe in einer Halle, die nichts mehr hält. Licht fällt durch eine Fensterreihe und legt sich in langen Streifen auf den Boden. Kein warmes Licht, eher das fahle Grau eines Tages, der sich nicht entscheiden kann. Die Stille hier ist anders als in den Produktionsräumen. Dort war sie respektvoll, fast museumshaft. Hier ist sie wahnsinnig. Die Halle atmet aus und kommt nicht mehr zurück.
In einem Nebenraum steht ein einzelner Stuhl auf Schutt. Dahinter nackter Beton, davor das, was mal ein Boden war. Ich fotografiere ihn und frage mich, wer hier zuletzt gesessen hat. Pause gemacht hat, Kaffee getrunken, auf die Uhr geschaut. Jemand, der nicht wusste, dass es das letzte Mal sein würde. Neben dem Stuhl verlaufen blaue Rohre an der Wand entlang, Versorgungsleitungen, die nichts mehr versorgen. Die Farbe blättert, aber das Blau leuchtet noch, als wollte es allen zeigen, dass hier mal was war.
Ich gehe weiter, durch Flure, in denen der Putz in ganzen Platten von den Wänden fällt. Eine Steckdose hängt schief an einer Wand, die mehr Lücke als Substanz ist. Daneben breitet sich grüner Schimmel aus, fast schon dekorativ, wenn es nicht so eklig wäre, großflächig, fast samtartig, eine ganze Hallenwand überzogen. Es riecht feucht, modrig, nach kaltem Stein und etwas Organischem, das ich nicht benennen kann.
Im ehemaligen Labor stehe ich vor einem Regal, das noch bestückt ist. Becher, Utensilien, alles ordentlich aufgereiht auf einem Metallgestell, als hätte jemand gesagt: Montag geht’s weiter. Die Fliesen an den Wänden sind noch intakt, ein letzter Rest von Hygiene in einem Raum, der längst aufgegeben wurde. Daneben steht eine türkisfarbene Dose mit der Aufschrift “Manganous Nitrate”, Laborchemie, wie sie damals Standard war. Ein paar Schritte weiter finde ich eine Flasche mit DDR-Etikett. “MAGMA LDR” steht darauf, Totenkopf-Symbol, unmissverständlich. Gift. Es steht einfach da, als hätte es alle Umbrüche überlebt und wartet jetzt auf niemanden mehr.
Eine Flasche auf einer Fensterbank. Dahinter, verschwommen durch das trübe Glas, das Fabrikgebäude. Dieses Bild bleibt hängen. Es fasst zusammen, was Worte nur umkreisen können: den Blick durch trübes Glas auf ein Gebäude, das eigentlich direkt nebenan steht und trotzdem wahnsinnig weit weg wirkt. In einem anderen Raum steht eine blaue Glasur-Wanne, darauf ein Erste-Hilfe-Kasten und ein altes Handtuch. Als wäre der letzte Arbeitstag gestern gewesen und gleichzeitig vor hundert Jahren.
Das Ende und ein neuer Anfang
Nach der Wende versuchte man zu retten, was zu retten war. Die Treuhand hatte das Werk zum 31. Dezember 1991 zur Schließung vorgesehen. Dann kam die CERAPLAN GmbH aus Bayern, Familie Ploss übernahm, und 80 Mitarbeiter durften bleiben, von einst hunderten. Der einzige Geschirrporzellanproduzent in Sachsen-Anhalt. Sie entwickelten sogar noch CORDOFLAM, einen feuerfesten Werkstoff, der Temperaturschocks von über 400 Grad aushielt. Innovation am Rand des Abgrunds.
Im Mai 2015 kam dann der Insolvenzantrag. 70 Menschen verloren ihre Arbeit. Hohe Energiekosten, Konkurrenz aus dem Ausland. Am 30. Juni 2023 wurden die drei Schornsteine gesprengt. Die Wahrzeichen verschwanden in einer Staubwolke. Was Generationen als Orientierungspunkt am Horizont kannten, war in Sekunden weg.
Heute gibt es Pläne. “ARBEITEN-WOHNEN-LEBEN” heißt das Konzept, Aquaponik ist im Gespräch, Baubeginn soll 2026 sein. Seit Februar 2025 öffnet go2know das Gelände für Fototouren. So bin ich hier, mit der Kamera in der Hand und dem Gefühl, einen Ort zu dokumentieren, der sich gerade entscheidet, ob er Geschichte wird oder Zukunft bekommt.
Ich packe die Kamera ein und gehe. Draußen ist es still.
Kapitel 02 · Die Galerie
Neugierig geworden?
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