Kamerakram
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Wäschefabrik Bielefeld

Durch eine schmale Einfahrt gelangt man in einen kleinen Hinterhof der Viktoriastraße im so genannten Spinnereiviertel im Osten Bielefelds. Das Gebäude ist von der Straße überhaupt nicht zu sehen und selbst wenn man direkt davor steht eher unscheinbar. Ein paar Infoschilder weisen mir den Weg zum Eingang.


Im Eingangsbereich werde ich von den Vereinsmitgliedern freundlich empfangen, zahle meinen Eintritt und beginne damit, mich in der alten Wäschefabrik umzuschauen. Direkt neben der Eingangstür schließt sich ein kleiner Besucherraum an, der mit ein paar Sitzgelegenheiten und einem schweren Aschenbecher ausgestattet ist. Direkt daneben findet sich ein kleines Büro mit einer riesigen Schreibmaschine. Es wirkt tatsächlich so, als hätte man hier gerade erst Feierabend gemacht. Nichts wirkt platziert und es werden hier auch keine bestimmten Ausstellungsstücke in Vitrinen gezeigt.


Der Verein hat versucht wirklich alles so zu belassen, wie sie es damals vorgefunden haben. Hinter den unscheinbaren grauen Mauern befindet sich hier ein ganz besonders Museum. Für mich ist es wohl die schönste Art und Weise des Erhalts eines verlassenen Ortes, denn der Verein macht genau das, was ich mit meinen Bildern und Texten versuche: Sie haben ein Stück Vergangenheit konserviert und bewahren diese damit vor dem Vergessen.


Vom vorderen Teil der Fabrik gelangt man durch schmale lange Gänge weiter hinein ins Innere. Hier finden sich überall meterhohe Schwerlastregale, in denen noch heute die alten Muster und Stoffe lagern, die damals für die alltägliche Arbeit benötigt wurden. Hier reiht sich nicht nur Stoffrolle an Stoffrolle, sondern auch Fotomotiv an Fotomotiv. Das Highlight ist wohl der große Nähsaal. Hier stehen über 50 Nähmaschinen an verschiedenen Arbeitsplätzen. Die älteste Maschine stammt von 1913, die neueste von 1962. Geschichte und auch Entwicklung kann hier hautnah nachempfunden werden. Die Maschinen sind in einem so guten Zustand, dass sie mit Sicherheit auch heute noch Kleidung nähen könnten.


Hier gibt es nicht nur die Nähmaschinen, sondern auch noch alles andere an Werkzeug und Zubehör, das die Angestellten damals zur Produktion der verschiedenen Kleidungsstücke benötigten. Im Keller der Wäschefabrik findet man dann noch den Bereich, der für das Verpacken der Ware genutzt worden ist. Auch hier ist nahezu alles im Originalzustand. Wenn man sich zwischen den einzelnen Räumen hin und herbewegt kann man überall kleine interessante Details aus einer längst vergangenen Zeit entdecken. So liegen hier Kundenkarteien, Werbematerialien und Kalender herum. Sie stammen wohl alle aus einer Zeit, in der es dem Unternehmen noch richtig gut ging.


Das Museum ist aktuell jeden Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Wenn du dich dort nicht alleine umsehen möchtest, kannst du auch eine der individuell gestalteten Führungen buchen. Diese sind auch außerhalb der Öffnungszeit nach Anmeldung möglich. Der normale Eintritt kostet 4,00€ und ist meiner Meinung nach jeden Cent wert.


Schließlich ist es dem Verein so möglich, die alte Wäschefabrik weiter in diesem Zustand zu erhalten, so dass es dort auch weiterhin so aussieht, als hätten die Näherinnen gerade eben erst die Fabrik verlassen, um morgen ihre Arbeit wieder aufzunehmen.


Die Historie

Die Wäschefabrik wurde 1906 gegründet und existiert an dem Standort in Bielefeld seit 1913. Zu dieser Zeit hieß die Firma Vereinigte Wäschefabriken Juhl & Helmke und produzierte Bett- und Tischwäsche, Nacht- und Unterwäsche, sowie Herrenhemden und Damenblusen. In den darauffolgenden Jahren wurde die Firma immer weiter vergrößert bis sie aufgrund der Wirtschaftkrise Ende der 1920er Jahre in trudeln geriet. Der Firmengründer und auch seine Ehefrau Klara Juhl waren jüdischen Glaubens und entschlossen sich deshalb 1938 dazu, das Unternehmen zu verkaufen. Kurz darauf wäre es ohnehin vom Nazi Regime enteignet worden. Leider überlebte nur der Schwiegersohn die Zeit des Nationalsozialismus, weshalb am 2010 drei Stolpersteine zum Gedenken an die Familie vor dem Eingang der Fabrik verlegt wurden.


Nach dem Verkauf der Wäschefabrik wurde sie von den beiden Brüdern Theodor und Georg Winkel weiter betrieben. Ab 1941 hieß die Firma dann Vereinigte Wäschefabriken Th. und G. Winkel. Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs ging es dann auch mit der Wäschefabrik wieder bergauf, bis sie dann in den 1960er Jahren auf die nächste Krise zusteuerten. Um günstiger produzieren und verkaufen zu können, wurden immer mehr Modeproduktionen wurden ins Ausland ausgelagert, was zu einem immer schlechter werdenden Auftragslage führte.


10 Jahre später arbeiteten in der Vereinigte Wäschefabriken Th. und G. Winkel nur noch vier Personen. Als einer der Brüder, Theodor Winkel im Jahr 1990 verstarb wurde der Betrieb geschlossen, blieb aber glücklicherweise bestehen, so dass noch heute die Fabrik sowie das daran angeschlossene Wohnhaus im Originalzustand erhalten blieben.


1986 wurde die alte Wäschefabrik dann durch Zufall von einem Bielefelder Fotografen wiederentdeckt, der gerade auf der Suche nach spannenden Motiven war. 1987 wurde die alte Wäschefabrik unter Denkmalschutz gestellt und konnte dann 1993 vom Projekt Wäschefabrik e.V. mit Fördermitteln des Landes aufgekauft werden. Seitdem wird die alte Wäschefabrik in ehrenamtlicher Arbeit gepflegt, betreut und als Museum weiter betrieben, um die lange Geschichte dieses Gebäudes am Leben zu erhalten.


Öffnungszeiten, Eintrittspreise und alle weiteren Informationen zur alten Wäschefabrik Bielefeld findest du hier: museum-waeschefabrik.de.


Kurze Fakten

Legaler Lost Place

Kategorie:  


Industrie

Baujahr:  


1906

Verlassen seit:  


1990

Vandalismus:  


Kein Vandalismus

Schwierigkeitsgrad:  


Kinderspiel

Weitere Informationen zu diesem Ort:

museum-waeschefabrik.de/



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